Die Berner Giele und ihre Muskeln

Definierte Rückenmuskeln und ein grösserer Bizeps? Grundsätzlich kein schlechtes Ziel. Aber was, wenn der Gang zum Fitnessstudio zum Zwang wird und Essen nur noch Pflicht und kein Genuss mehr ist? Immer mehr männliche Jugendliche leiden unter Fitnesssucht, der so genannten Muscle Dysmorphia. Der Psychologe Roland Müller von der Fachstelle PEP erklärt, wie es dazu kommt und was Betroffene oder Angehörige tun können.

Wie steht es um die Fitness der Berner Jugendlichen?
Roland Müller: Ich kenne keine genauen Zahlen. Vom Gefühl her zeichnen sich jedoch auch in Bern die weltweiten Trends ab: Einerseits wird viel Wert auf die körperliche Fitness gelegt, das Aussehen ist wichtig. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Übergewichtigen zu.

Insofern ist es zu begrüssen, wenn Jugendliche Sport machen. Ab wann wird der Gang ins Fitnessstudio jedoch zwang- oder krankhaft?
Als erste Faustregel gilt: Wenn der Körper nicht mehr genug Zeit für die Regenration hat wird es ungesund. Als Folge der extremen Trainings- und oft auch Ernährungsformen beginnen Muskeln, Knochen oder auch die Verdauung zu rebellieren. Nehmen die Jugendlichen zusätzlich Medikamente, zum Beispiel Stereoide, wird es noch eine Spur gefährlicher. Die Entwicklung der Muscle Dysmorphia ist jedoch ein Prozess. Oft beginnt es harmlos mit dem Wunsch fitter zu sein. Die ersten Erfolge stellen sich ein, das Training wird wichtiger, früher oder später wird auch die Ernährung angepasst. Die gedankliche Beschäftigung mit dem Sport nimmt zu, die Arbeit oder das Studium werden zweitrangig, die Konzentration leidet. Und irgendwann geht man nicht mehr mit Freunden raus, denn da könnte ja ein Bier dazwischen kommen oder man kann nicht nach Plan essen. Hier kommt Faustregel Nummer zwei zur Geltung: Wenn Training und Ernährung konsequent vor alles andere im Alltag gestellt werden entsteht auch ein psychisches Problem. Das soziale Leben spielt sich immer mehr ausschliesslich im Fitnessstudio ab, alles andere lässt das zwanghafte Sporttreiben nicht mehr zu. Die Angst, die antrainierten Muskeln wieder zu verlieren, wird dann zur treibenden Motivation für das exzessive Krafttraining.

Roland-Mueller-PEPDer Psychologe Roland Müller setzt sich als Therapeut mit der Muscle Dysmorphia bei männlichen Jugendlichen auseinander. (Foto: © Christoph Gantner)

Können Sie uns sagen, wer besonders von Muskelsucht betroffen ist?
Es gibt verschiedene Auslösefaktoren. Die aktuellen Studien zeigen, dass viele Betroffene im Vorfeld eher Symptome einer Bulimie hatten. Dies zeigt sich zum Beispiel durch unkontrolliertes Essverhalten und vor allem einer grossen Körperunzufriedenheit. Diese wiederum ist häufig mit Selbstwertproblemen verbunden. Es gibt Studien die zeigen, dass bei Männern die unter Muskelsucht leiden, öfter der Vater abwesend war, die väterliche Anerkennung fehlte oder aber gehäuft Hänseleien in der Kindheit erlebt wurde. Alle diese Faktoren können, aber müssen nicht zu einer Störung führen. Fest steht, dass ein brüchiges Selbstwertkonzept, unabhängig davon wie es entstanden ist, die Basis für zahlreiche psychische Störungen bildet. Die Jugendlichen suchen etwas, um den mangelnden Selbstwert zu kompensieren. Beim Training an den Geräten zeigen sich rasch die ersten Erfolge, der Bizeps wird grösser und vielleicht auch grösser als der von anderen, der Bauch straffer. Das löst einen Kick aus und man möchte mehr davon. Und irgendwann gibt es keine Alternativen mehr, um ein gutes Gefühl zu bekommen. Dazu entwickeln die Betroffenen oftmals eine Wahrnehmungsstörung, das heisst, austrainierte Männer empfinden sich als zu schmächtig. Daraus entwickelt sich eine Muscle Dysphormia aber auch Depressionen oder Angststörungen.

Was können Betroffene tun?
Viele Männer schämen sich. Auch wenn sie sich schmächtig, gestresst und schlecht fühlen, getrauen sie sich nicht, das anzusprechen. Es geht häufig lange, bis sie sich eingestehen unter ihrer Muskelsucht zu leiden und bereit sind, Hilfe zu holen oder anzunehmen. In Deutschland gibt es einige Experten zu diesem Thema, in der Schweiz leider noch nicht. Nach der Kontaktaufnahme mit einer Fachperson folgt die Therapie. Dort versucht man die verzerrte Körperwahrnehmung zu korrigieren und gemeinsam mit dem Betroffenen Alternativen zu finden, wie man den Selbstwert stärken kann.

Was kann ich als Angehörige, Lehrperson oder Trainer machen?
Man könnte oder sollte die Betroffenen auf jeden Fall ansprechen und Hilfe anbieten. Wahrscheinlich wird der Jugendliche abwinken und verneinen, ein Problem zu haben. Und so hart es klingt, dabei muss man es meist belassen. Wer als Angehöriger mit dieser Ohnmacht und Hilflosigkeit kämpft, sollte sich bei Fachpersonen Unterstützung holen.

Was können Schulen, Vereine, Kitas und so weiter zur Prävention unternehmen?Bewegung soll nicht an Leistung gekoppelt werden, sondern Spass machen. Begrüssenswert ist die Abschaffung von Noten im Sportunterricht. Und warum nicht neben dem klassischen Reckturnen zum Beispiel Tanzen oder Klettern? Bei Mannschaftsspielen hilft es, die Gruppen auszulosen – als Unsportlichster jeweils als Letzter gewählt zu werden ist keine schöne Erfahrung. Und nicht zuletzt geht es darum, die Medienkompetenz zu stärken. Das heisst, die Kinder und Jugendlichen sollen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass viele medial vermittelte Bilder von „perfekten Körpern“ digital bearbeitet und damit nicht „echt“ sind, sie entsprechen nicht der Realität. In unseren PEP Bodytalk Workshops setzen wir bewusst auch hier an. Was beeinflusst die Wahrnehmung? Was tut gut und macht Spass? (kr)


Roland Müller ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und im Vorstand der Fachstelle PEP in Bern. Er arbeitet zudem im Zentrum für Adipositas und Stoffwechselmedizin in Winterthur.

Die Fachstelle PEP ist als Verein organisiert und engagiert sich seit 1999 in der Prävention und Früherkennung von Essverhaltensstörungen, Adipositas und in der Förderung einer gesunden Körperwahrnehmung. PEP bietet Information und Sensibilisierung zu Essverhaltensstörungen, Muskelsucht und Körperbild in Veranstaltungen und Weiterbildungen. Bern gesund unterstützt das Projekt Papperla PEP zur Förderung von Emotionsregulation und Körpereigenwahrnehmung von 4 bis 8 jährigen Kindern.

Das Schweizer Fernsehen produzierte einen DOK zum Thema „Mein Körper – mein Werk“.

Auch die neueste Kampagne von Sucht Schweiz greift in ihrer neuesten Präventionskampagne für Jugendliche den Genderaspekt auf.