Ist Bern eine Velostadt?

Was macht eigentlich eine Velostadt aus? 5 Fragen an die Gemeinderätin und stadtberner Direktorin für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün, Ursula Wyss.

Ursula Wyss, „Bike-to-work“ – gilt dies für Sie ganzjährig?

Bei der Aktion „Bike-to-work“ geht’s um eine hohe Anzahl mit dem Fahrrad zurückgelegter Kilometer. Diesen Anspruch reduziere ich auf die Zeit während der Kampagne. Ansonsten verfolge ich eher einen pragmatischen Ansatz: Wenn es regnet nehme ich den öffentlichen Verkehr, wenn die Sonne scheint das Fahrrad.

Ist Bern eine Velostadt?

Wenn man das Verhalten der Menschen betrachtet, auf jeden Fall. Wir haben sehr viele Velofahrende. Doch bei der Infrastruktur besteht noch Handlungsbedarf: Aktuell sind die Fitten und Mutigen unterwegs. Wir haben noch zu viele Menschen, die Velo fahren möchten, sich jedoch nicht getrauen, weil zum Beispiel die Velostreifen vor der Kreuzung aufhören oder Familien, die mit Kindern unterwegs sind und erhöhte Sicherheit brauchen. Wir möchten auch ihnen die Möglichkeit geben, in der Stadt Fahrrad zu fahren. Deshalb gehen wir davon aus, dass mit der entsprechenden fahrradfreundlichen Infrastruktur eine Verdoppelung der Zahl der Fahrradfahrenden erreicht werden kann.

Wieso ist die Erhöhung der Zahl der Fahrradfahrer in der Stadt erstrebenswert?

Velofahren ist Mittel zum Zweck und tut gleichzeitig gut. Es ist gesund, weil man sich körperlich bewegt und man spürt einen psychischen Entspannungseffekt. Kopenhagener Wissenschaftler haben Untersuchungen durchgeführt, die sich mit dem Frühstücksverhalten von Kindern und dessen Einfluss auf die Aufnahmefähigkeit in der Schule befasste. Die Ergebnisse zeigten, dass es für die Aufnahmefähigkeit der Kinder genauso wichtig ist, dass sie sich bewegten, d.h. zum Beispiel mit dem Fahrrad zur Schule fuhren, wie dass sie Frühstück assen. Es tut uns einfach gut, aktiv unterwegs zu sein. Nicht zuletzt nützen Velofahrer aber auch der Stadt. Sie beruhigen den öffentlichen Raum und machen ihn sicherer. Je mehr Menschen zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, desto mehr soziale Kontrolle. Fahrradfahrer sind ein wichtiges Puzzleteil für eine lebenswerte, lebensfrohe Stadt.

Mit welchen konkreten Massnahmen könnte der Fahrradverkehr gefördert werden?

Am Beispiel anderer Städte sehen wir immer die selben Muster: Dort wo Veloinfrastruktur und Velokultur zusammenspielen, funktionieren die Massnahmen. Es genügt nicht, nur die Infrastruktur alleine zu verbessern, oder andererseits nur auf Sensibilisierung zu setzen. Es braucht beides. Aus diesem Grund haben wir die erste Velohauptroute Richtung Wankdorf gebaut. Die Leute schätzen es, wenn ein Fahrradstreifen 2.5 Meter breit ist und sie sich sicher fühlen. Die „grüne Welle“ für die freie Fahrt für Fahrradfahrer während Stosszeiten ist ebenso hilfreich. Aber auch Events wie „Hallo Velo!“ am 6. August mit 40 Kilometer autofreien Strassen oder Bike-Tracks für Schulen sind zentral.

Wie sieht die Zukunft für die Veloplanung der Stadt Bern aus?

Auf der Hauptveloroute Richtung Köniz sind wir bereits dran. Danach sollen jährlich neue Abschnitte kommen, so, dass in 10 Jahren alle sicher durch die Stadt fahren können. (jz)

Vorallem bei Sonnenschein mit dem Fahrad unterwegs: Gemeinderätin Ursula Wyss.


Velo-Offensive der Stadt Bern

Im Rahmen der Velo-Offensive hat die Stadt Bern für 2018 eine Velo-Kampagne angekündigt. Diese soll Elemente für mehr gegenseitigen Respekt und ein Miteinander im Strassenverkehr enthalten. Darüber hinaus soll sie eine neue Velokultur etablieren, die das Velo zum selbstverständlichen und breit akzeptierten Verkehrsmittel für Jung und Alt macht. Mehr Infos dazu findest du hier.